Donnerstag, 25. März 2010

Die Holzpuppe

Die Holzpuppenform ist die letzte waffenlose Form im Wing Tsun. Viele sagen, sie würde Bewegungen enthalten, die sich gegen die Techniken der drei anderen Formen richten. Davon halte ich nichts. Vielmehr verwendet diese Form dieselben Bewegungen, lediglich in einem anderen Kontext und unter „erschwerten“ Bedingungen.

Manch einer führt die Bewegungen der Holzpuppenform auch in der Luft aus, was sinnlos ist, da dann genau der Trainingseffekt genommen wird, den die Puppe bewirken soll. Die Puppe dient der Orientierung und Kontrolle der einzelnen Bewegungen. Wurde bisher jede Bewegung nur in die Luft ausgeführt und konzentrierte sich der Praktizierende ausschließlich auf sich selbst, wird er nun mit einer neuen Komponente konfrontiert. Er muss seine Bewegungen auf ein Objekt im Raum abstimmen. Distanz und Schrittarbeit müssen darauf angepasst sein. Ist sein Stand schlecht und er führt eine Bewegung gegen den Widerstand der Puppe aus, wird er sofort sein mangelndes Gleichgewicht bemerken. Steht er zu nah oder zu weit von der Puppe weg, fällt ihm auch das auf. Vorausgesetzt selbstredend, dass der Praktizierende auch an der Holzpuppe mit Bewusstsein übt und nicht stumpfsinnig auf sie einhämmert.
Die Holzpuppe vermittelt noch eine weitere Fähigkeit. Wing Tsun Lehrer sprechen immer davon, sich passiv an die Aktionen des Gegners anzupassen. Bong, Taan, Jum und Kao sollen durch den Druck des Gegners entstehen. Das muss nicht sein. Für den wirklich fortgeschrittenen Anwender ist der Gegner nichts anderes als eine Holzpuppe. Selbst wenn der Gegner nur statisch blockt, durch den Vorwärtsdrang des eigenen Körpers verformen sich die Arme des Kämpfers automatisch, während er die Hindernisse, die ihm sein Gegner in den Weg stellt umfließt. Dieses Prinzip körperlich zu erfassen und zu verinnerlichen, ist eine der Hauptaufgaben der Holzpuppenform.
Wer meint, die Holzpuppe diene der Abhärtung der Arme oder dem Schlagtraining und aus diesem Grund in einem Wahnsinnstempo mit unnötiger Kraft auf den Armen Holzmann einprügelt, befindet sich wahrlich auf dem Holzweg.
Über den Grund, warum Arme und Bein der Puppe beweglich in ihr verankert sind, gibt es ebenfalls unzählige Spekulationen. Viele glauben, man müsse die Arme genau in eine der Ecken schlagen, um den Druck in die richtige Richtung zu bringen. Na ja, jeder macht sich halt so seine Gedanken. Vielmehr sind die Arme und das Bein jedoch deshalb beweglich verankert, um sofort zu spüren, wann ich unnötigen Druck gegen sie aufbaue und damit im Ernstfall einen Block gegen die Bewegung meines Gegners ausführen würde. Die Beweglichkeit der Arme und des Beins, sowie die schwingende Aufhängung machen ein feinmotorisches Arbeiten an der Puppe möglich, bei dem ich ständig Rückmeldungen über die Qualität meiner Bewegung bekomme.

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