Das Chi Sao (klebende Arme) bildet nach allgemeiner Auffassung die Seele des Wing Tsun. Hier sollen die in den Formen erlernten Techniken zum Leben erweckt werden. Das Chi Sao soll dem Schüler schnelle Reflexe einpflanzen und ihm unbewusste Reaktionen auf einen Reiz erlauben.
Der Schüler soll in die Lage versetzt werden, über den Tastsinn seiner Arme und Beine die Richtung und Stärke eines Angriffes zu erkennen und automatisch die richtigen Gegenmaßnahmen zu treffen. Das soll ihn auch vor Täuschungen (Finten) bewahren.
Das Chi Sao soll also eine Übung sein, die Fähigkeiten schult, die für einen Kampf nützlich sind. Aber es soll keinen Kampf simulieren. Es stellt eine reine Übung dar. Obwohl das eigentlich alle Wing Tsun Lehrer so wiedergeben, halten sich doch die wenigsten daran. Viel zu oft wird das Chi Sao zu einem Kämpfchen, an dessen Ende keiner wirklich etwas gelernt hat. Und so verbringen die, die Chi Sao falsch üben, viele Jahre mit dem was sie da tun und haben am Ende keine Reaktion wirklich verankert. Wie die Ausführung der Formen, variiert auch das Üben des Chi Sao innerhalb der verschiedenen Wing Tsun Stile enorm. Von Knüppelhart bis Ultra - soft, alles ist vertreten.
Wie genau Chi Sao geübt werden muss und warum es so geübt werden muss: davon allerdings hört man von Seiten des Wing Tsun selten Aufschlussreiches.
Wie Chi Sao geübt werden muss!
Das Chi Sao ist eine Übungsmethode, die das Ziel hat, dem Übenden seinen haptischen Sinn zu erschließen. Sie befähigt ihn, die Richtung, Geschwindigkeit und Stärke eines Angriffes zu erfühlen und blitzschnell intuitiv die richtige Gegenmaßnahme einzuleiten.
Am sichersten ist es, dem Angriff aus dem Weg zu gehen. Aber woher weißt Du, wohin genau ein Angreifer schlägt? Mit welchen Arm, von wo, wie schnell, wie stark?
Du siehst es mit Deinen Augen? Das hat allerdings Nachteile.
Erstens: optische Reize sind sehr langsam. Deshalb funktionieren Zaubertricks. Die Hand ist nun mal schneller als das Auge. Steht Dein Gegner zu nah und schlägt zu, ohne weit auszuholen, bemerkst Du den Schlag erst, wenn es dunkel wird.
Zweitens: Du kannst getäuscht werden. Mit einer Finte legt der Gegner Dich rein. Er täuscht einen Schlag mit links zum Bauch. „Rumms“. Schon rauscht die Rechte auf Dein Kinn.
Die Lösung des Problems: Du erschließt Dir einen weiteren Sinn zum kämpfen – Deinen Tast- und Berührungssinn. Durch Berührung erfährst Du nicht nur, ob eine Person oder ein Gegenstand hart oder weich, warm oder kalt, grob oder fein ist, sondern kannst nach entsprechender Ausbildung auch die Richtung, Stärke und Geschwindigkeit eines Angriffs bestimmen. Diese Fähigkeit vermittelt Dir das richtig ausgeführte Chi Sao.
(Im BodyTECH führen wir die taktile Trainingsmethode ganz anders aus als im Wing Tsun üblich und sprechen daher von Neuro Taktilem Konditionieren (NTK) oder auch den „fühlenden Armen“).
Die Übung des Chi Sao sollte dabei Dein Nervensystem schulen (über taktile Reize wird das Nervensystem [re-] konditioniert, um neue Verhaltensmuster auf eben diese Reize zu entwickeln). Denn von dort werden sämtliche Bewegungen gesteuert. Durch spezielle Übungen werden Reaktionen installiert, die Dir ermöglichen, einen Angriff über die Arme (oder bei Tritten auch über die Beine) wahrzunehmen und instinktiv die richtige Bewegung einzuleiten, die Dich aus der Angriffslinie in Sicherheit bringt.
Um das zu erlernen, müssen Du die Übung der „fühlenden Arme“ zunächst sehr langsam ausführen. Nur so lässt Du alte Bewegungsmuster los und eignest Dir neue und bessere an, bzw. kommst wieder zu natürlichen Bewegungsmustern zurück. Übst Du zu schnell, gerätst Du unter Druck und wirst gestresst. Unter Stress reagiert Dein Körper aber nur mit bereits bekannten Bewegungsmustern. Du lernst also nichts Neues dazu.
Stell Dir vor Du willst am Klavier Mozarts elfte Sonate lernen und müssten gleich in vollem Tempo vor einem großen Publikum spielen. Wie lehrreich wäre wohl Deine erste Übungsstunde? Tastest Du dich jedoch Takt für Takt vor, stellt sich irgendwann der Fluss ein und das Stück geht wie von selbst von der Hand. Um nun ein wirklich begnadeter Pianist zu werden, musst Du irgendwann natürlich auch vor Publikum brillieren. Genauso musst Du die Chi Sao Bewegungen, wenn sie wirklich beherrscht werden, ausführen können, wenn Du von einem Übungspartner unter Druck gesetzt wirst. Alles jedoch zu seiner Zeit. Verwechsle daher Chi Sao nicht mit einer Kampfsituation. Sind Reaktionen und Bewegungsmuster einmal verankert, werden sie nach und nach automatisch immer schneller, bis sie im Ernstfall zum Einsatz kommen können.
Außerdem solltest Du Chi Sao mit sehr geringem Ausgangsdruck der Arme üben. Je weniger Druck Du selbst über die Arme geben, umso mehr spürst Du, was der Übungspartner/Gegner macht. Und - je eher Du etwas spürst, desto schneller kannst Du reagieren. Der eigentliche Vorwärtsdruck auf den Gegner muss aus dem Körper kommen.
Dein Berührungssinn bemerkt schon eine winzige Fliege, die auf Deinen Armhärchen landet, ohne diese platt zu drücken. Diese Feinfühligkeit musst Du Dir zu Nutze machen.
Zum Thema Chi Sao mit oder ohne Druck gibt es fast so viele Meinungen wie es Wing Tsun Lehrer gibt. Die einen drücken sich die Seele aus dem Leib, so dass ihr Chi Sao wie Sumo-Ringen aussieht. Andere wedeln luschig mit ihren Armen vor dem Körper. Die einen sagen: „Ohne Druck auf den Gegner zu machen, rennt der mich einfach über den Haufen und ich kann ihm keinen Schaden zufügen.“ Die anderen erwidern: „Mit Druck kann ich nicht mehr spüren, was der Gegner macht und dann werde ich getroffen.“ Was ist denn nun zutreffend?
Wie so oft im Wing Tsun liegt die Wahrheit in der goldenen Mitte. Weder die „harten Drücker“ noch die „Weichspüler“ können ihr Chi Sao erfolgreich in die Praxis umsetzen. Und trotzdem haben beide zu einem gewissen Teil sogar Recht mit ihren Behauptungen. Das Problem liegt darin, dass die einen nicht verstehen, wie man richtig Druck ausübt und die anderen nicht wissen wie man wirklich locker bleibt. Natürlich musst Du Druck auf den Gegner machen, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und ihn letzten Endes zu besiegen. Machst Du Dich dabei jedoch steif (was die meisten machen, die Druck geben wollen), kannst Du die Aktionen des Gegners nicht erspüren und wirst sehr wahrscheinlich getroffen.
Was muss ich tun, um den Gegner zu spüren?
Um die Aktionen des Gegners mit Hilfe Deiner taktilen Fertigkeiten zu erspüren, müssen Deine Arme als „Sensoren“ fungieren. Deine Arme verraten Dir, wie schnell und wohin Dein Gegner schlägt, geben die Informationen weiter und Dein Körper passt sich an die veränderten Bedingungen an, weicht dem Angriff aus und greift sofort in die dadurch entstehende Lücke des Gegners an. Damit die Arme ihrer Aufgabe nachkommen können, müssen sie flexibel bleiben, damit sie durch den gegnerischen Angriff „verformt“ werden können. Machst Du Deine Arme zu steif, oder drückst den Angriff gar nach oben, unten oder außen, kannst Du die gegnerischen Absichten nicht erspüren.
Wie gebe ich richtig Vorwärtsdruck?
Ohne den nötigen Vorwärtsdruck wirst Du einfach überrannt, kannst nicht rechtzeitig ausweichen und erst recht nicht in eine sich ergebende Lücke vorstoßen. Also übe Druck auf Deinen Gegner aus! Damit Du dabei aber nicht steif, unbeweglich und unempfindlich gegenüber taktilen Empfindungen wirst, muss der Druck aus dem Körper heraus kommen. Wie sich das genau anfühlt, ist nur durch Üben, Üben, Üben zu erfahren. Dazu muss man allerdings auch auf die richtige Art und Weise taktil trainieren.
Es gibt jedoch einen zentralen Punkt, an dem Du erkennen kannst, ob jemand überhaupt in der Lage ist auf korrekte Art und Weise Druck aus dem Körper aufzubauen. An der Position des Beckens. Nur wessen Becken sich in der natürlichen Position befindet (Hüftachse hinten) der ist überhaupt in der Lage, auf flexible Art und Weise Druck auf den Gegner auszuüben.
Wer es beherrscht auf oben beschriebene Art Druck aufzubauen, der ist in seinen Bewegungen extrem flexibel und setzt seinem Gegner derart immens zu, dass dieser sehr schnell handlungsunfähig wird.
Wem durch richtiges Reaktionstraining effektive Bewegungsmuster in Fleisch und Blut übergehen, verschafft ich mit seinemhaptischen Sinn einen enormen Vorteil für den Kampf. Selbstredend lässt sich die korrekte Ausführung dieses Reaktionstrainings nicht anhand von einem Buch erlernen. Auch mit „eben mal locker“ - üben ist es nicht getan. Es braucht viel Zeit und Verständnis und einen guten Lehrer als Vorbild sowie eine gehörige Portion Selbstkritik. Wing Tsun betrachtet sich gerne als weiche Kampfkunst (wobei ich lieber von flexibel spreche). Was weich (flexibel) ist, ist jedoch subjektiv. Meiner Ansicht nach, wird Wing Tsun in den allermeisten Fällen viel zu steif und hart betrieben und die Schüler sind sich dessen nicht einmal bewusst. Also fang einfach einmal an, Dein nächstes Chi Sao Training aus dieser neuen Perspektive zu betrachten und Dich selbst dabei aufmerksam zu beobachten. Vielleicht eröffnen sich Dir völlig neue Einsichten!
Eine detailierte Anleitung mit Bildsequenzen zum richtigen taktilen Trainieren findest Du in dem Buch Stark. Sicher. Selbstbewusst.
Donnerstag, 24. Juni 2010
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